Bücher für die Theaterpädagogik: Biografisches Theater nach Maike Plath

Eigene Erfahrungen und Interessen als Quelle des biografischen Theaters. Wie man mit dem Teilnehmer_innen biografische Theaterstücke erarbeitet.

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“Biografisches Theater in der Schule - Mit Jugendlichen inszenieren: Darstellendes Spiel in der Sekundarstufe“ von Maike Plath

Eine Kritik mit der sich gerade das klassische Theater auseinandersetzen muss, ist die Zugänglichkeit. Klassische Stücke, sowie das damit einhergehende Theaterverständnis, sind oftmals weit entfernt von den Lebenswelten der Kinder und Jugendlichen mit denen wir es zu tun haben. 

In Ihrer Lebensphase sind vor allem Jugendliche mit sich selbst beschäftigt. Wer bin ich? Wer bin ich nicht? Was sind meine Interessen? Wo gehöre ich dazu? Theaterpädagogik und Darstellendes Spiel im Schulkontext müssen hier an diesen Fragen Ansätzen und die Jugendlichen bei ihren Themen abholen anstatt sie mit etwas zu konfrontieren, dass minimale Überschneidungspunkte mit dem eigenen Leben hat.

Maike Plath bietet uns mit ihren Theaterpädagogik Büchern einen Entwurf für einen adäquaten Ansatz. Der Theaterprozess als auch das Theaterprodukt sollen an den Erfahrungen, an der Lebenswelt der Teilnehmer_innen ansetzen

 

Diese Methodik ist gegenwärtig besonders wichtig. Denn die Handlungen und Rollen des klassischen Theaters entsprechenden oftmals nicht mehr aktuellen Gesellschafts- und Geschlechterbildern. Mit der Folge, dass jugendliche Teilnehmer_innen sich nicht mit dem Theaterstück und damit auch Theaterprojekt identifizieren können.

 

Beispielsweise im Hinblick auf die Frauenrollen ist eine bloße Reduktion auf Hausfrau, Mutter oder Geliebte in unserer Zeit nicht mehr vertretbar. Die Verwendung von klassischen Stücken als Grundlage theaterpädagogischer Projekt geht damit immer auch mit der Gefahr einher diejenigen gesellschaftlichen Probleme zu reproduzieren für deren Reduktion wir sorgen wollen. 

In ihrem Buch "Biografisches Theater in der Schule" stellt Plath uns ihr Konzept vor. Es enthält ihr Theaterpädagogikverständnis und Ansätze, wie autobiografisches Material gewonnen und inszeniert werden kann. Darüberhinaus findet sich neben Warm-Ups und Übungen alles Nötige, was es für ein Projekt im theaterpädagogischen Bereich bzw. darstellenden Spiel braucht. (Es spricht auch nichts dagegen diese biografischen Theateransatz auch außerhalb der Schule bei Erwachsenen anzuwenden auch wenn es auf Kinder und Jugendliche ausgerichtet ist. )Eine Buchempfehlung für alle Theaterpädagogik-interessierten, ob Schule, Studium oder Ausbildung. 

Maike Plath bietet in ihrem Buch alle nötigen Komponenten für die Durchführung eines Theaterprojektes nach ihrem biografischen Theater.

Im ersten Teil geht es um die Gründe, warum es überhaupt Theaterunterricht in der Schule geben sollte. Sie erklärt, was für sie zur Rolle des Spielleiters gehört und stellte Bezüge zur Situation von Theaterlehrern im Schulalltag. 

Im zweiten Teil geht es um die Methodik des biografischen Theaters. Hier werden zunächst „theaterästhetische Mittel“ erklärt (Begriffe, wie „Freeze“, „Tocs“, „Postion im Raum“ etc.). Im Anschluss stellt sie ein „Best of“ von Warm-Ups und Übungen vor, die für theaterpädagogische Arbeit mit Jugendlichen geeignet sind. 

Das „Best-of“ enthält eine gute Mischung von Übungen und Spielen für verschiedene Phasen der Projekte bzw. Des Unterrichts. Zum Beispiel werden hier klassische Namensspiele vorgestellt (z. B. „Ball und Name“). Aber auch Kennlernspiele (z. B. „Begrüßung) und Wahrnequngsspiele, wie „Einer geht, alle gehen“ oder das Atomspiel. Das Repertoire ist eine Sammlung aus unter Theaterpädagog_innen gemeinhin bekannten Übungen. Wer nicht mit diesen Übungen vertraut, ist findet hier einfach Kurzerklärungen. 

Die wichtigsten Informationen zu ihrem biografischen Theater Ansatz finden sich im letzten Teil des Buches, wo es darum geht, wie man aus den Biografien der Teilnehmer_innen Ideen, Texte, Szenen und Theaterstücke entwickelt. Als Beispiel sei hier eine Übung vorgestellt, die sich meiner Erfahrung nach hervorragend eignet, um das Vertrauen und Gruppengefühl zu stärken, als auch Texte und Ideen zu generieren: Das „Partner Interview“. 

Im Partner Interview wird die Gruppe in Paaren aufgeteilt. Die Paare müssen soweit voneinander Abstand halten, dass alle Paare sich ungestört interviewen können. Person A erhält einen Bogen mit 18 Begriffen („Kindheit“, „Freundschaft“, „Angst“, „Heimat“ etc.) und liest den ersten Begriff vor. Person B muss eine Minute frei zu dem Begriff erzählen und so weiter. Person A soll sich dazu Notizen machen. Im Anschluss werden die rollen getauscht. 

Tipp: Dieses Interview kann auch mit Fragen vorbereitet werden, die sich für das Thema des Stückes eignen. Beispielsweise beim einem Stück zu Gewalt, „Wo hast du schon einmal Gewalt erlebt?“). Ist das Interview abgeschlossen, geht es an die Darstellung. Jedes Paar soll die Ergebnisse des Interviews auf der Bühne präsentieren, wie sich möchten.

Allerdings darf jeder nur die jeweils andere Person auf der Bühne spielen. Jede/r soll nur das auf der Bühne zeigen, dass er oder sie auch zeigen möchte. Die Informationen und Geschichten sind streng vertraulich! Hier ist es wichtig, dass als Spielanleiter_in auch versichert wird, dass wir in einem sicheren Raum sind und wir nicht möchten, dass eine Person nicht für das was sie preisgibt, ausgelacht wird.

Es ist ein Akt der Stärke von seinen Themen reden zu können. Haben alles Paare ihre Ergebnisse vorgeführt, geht es an die Reflexion. Was fandet ihr gut? Was war interessant? Woraus könnte man mehr machen? So kann aus den eigenen Impulsen der Teilnehmer_innen ein erster Strang für eine Szenenidee entwickelt werden. Die Wichtigkeit solcher Reflexionsrunden und der Rolle der anleitenden Person ist hier nicht zu unterschätzten! Hier geht es um den pädagogischen Teil der Theaterpädagogik. 

Maike Plath bietet mit ihrem theaterpädagogischen Buch Möglichkeiten, um die Erfahrungen und Interessen der Teilnehmer_innen heraus zu bilden und sie dann zum  des Projektes zu bearbeiten und theatralisch umzusetzen. Gerade bei Jugendlichen hat das eine große Wirkung. Das eigenes Leben (als Theaterstück), dass sonst oft als langweilig wahrgenommen, bekommt eine Bedeutung. Sie werden in ihrer Selbstständigkeit und in ihrem Selbst vertrauen gestärkt. 

Theaterpädagogik Ansatz - Biografisches Theater - Grundlagentheorie Buch - Maike Plath

Maike Plath (Biografie)

Maike Plath war nach ihrem Lehramt-Studium mehrere Jahre als Lehrerin für Theater, Deutsch und Englisch tätig und gehörte dem Vorstand des Bundesverbandes für Darstellendes Spiel an. Mittlerweile ist sie freie Theaterpädagogin, Autorin, die über viele Jahre theaterpädagogische Projekte mit Kindern und Jugendlichen in einer Hauptschule in Berlin durchführte. Mit ihren Büchern, Workshops und Vorträgen trägt sie seit über einem Jahrzehnt zur Förderung der theaterpädagogischen Theorie bei. Dabei verfolgt sie ein biografisch-partzipartives Konzept, dass versucht die Jungendlichen in ihrer Selbstermächtigung und in ihrem Selbstbewusstsein zu bestärken.

Maike Plath Biografie - Lebenslauf - Arbeitshintergrund 

Fotograf: Sinan Özmen

Fotograf: Sinan Özmen

Fotograf: Sinan Özmen

Theaterpädagogische Videos auf Youtube von Maike Plath

Um einen schnellen Eindruck zu gewinnen, was sich hinter ihrem biografischen Theateransatz verbirgt, empfiehlt sich, neben dem Kauf ihrer theaterpädagogischen Bücher, auch ihre Videoreihe, in der Sie ihren Ansatz erklärt. Hier weist sie noch einmal auf die verschiedenen Phasen der theaterpädagogischen Projektarbeit hin und erklärt, wie in ihren Büchern, was in den einzelnen Phasen wichtig ist, welche Aufgaben auf der/ die Spielanleiter_in zukommen und was beachtet werden sollte. 

Theaterpädagogik Ansatz - Beispiel/Erklärungsvideo - Youtube Kanal - Maike Plath

Fortsetzungsbuch des Biografischen Theaters "Partizipartiver Theaterunterricht mit Jugendlichen - Praxisnah neue Perspektiven entwickeln" (Maike Plath)

In diesem Buch zur Theaterpädagogik setzt Maike Plath ihr Gesamtkonzept des biografischen Theaters fort. Dieses Mal mit dem Schwerpunkt auf die Arbeit mit sogenannten "bildungsfernen Jugendlichen". Dieses theaterpädagogische Buch setzt einen stärkeren Fokus auf die Selbstermächtigung der Teilnehmer_innen. Entlang der "Vier thematischen Säulen" sollen die Jugendlichen in ihrem Selbstverständnis gestärkt werden. 

"A Das Buffet der ästhetischen Möglichkeiten -"Das theatrale Mischpult"

B  Das Buffet der biografischen Texte

C Kommunikation und Beziehungsarbeit 

D Dramaturgie (thematische Verdichtung)"

(Aus dem Buch Seite 59 Maike Plath 2014).

Es geht darum, dass die Teilnehmer_innen ihre Themen ernst nehmen und verstehen, dass sie auch innerhalb des Projektes (von der anleitenden Person) ernstgenommen werden. Nur dann kann in einem zweiten Schritt versucht werden diese biografischen Themen aufzugreifen und diese in eine theater-ästhetische Form zu bringen

Auch hier gilt wieder, Maike Plath's Ansatz ist auf alle Zielgruppen der Theaterpädagogik übertragbar. Denn Selbstermächtigung, Selbstentfaltung und das Identifizieren und Ausleben von eigenen Interessen, sind  allgemeine Herausforderung des Lebens, mit denen sich alle Menschen befassen sollten. Allerdings ist es für bestimmte Gruppen besonders schwer sich diesen Herausforderungen zu widmen, weil sie gesellschaftlich davon abgehalten werden.

Eine zentrale Aufgabe im biografischen Theater ist es das oftmals abstrakt gehaltene Eingangsthema zu spezifizieren. Das Eingangsthema ist meist sehr offengehalten, um zu gewährleisten, dass die Themen und Erfahrungen der Teilnehmenden miteingebracht werden können. Mit der Folge, dass gerade im Schulkontext sehr offene Begriffe, wie Familie, Liebe, Heimat oder Gewalt, als Thema des Theaterstückes gewählt werden. Daraus ergibt sich dann die theaterpädagogische Aufgabe für den/ die Spielleiter_in das abstrakte Thema zu spezifizieren. Es muss klein gemacht, konkretisiert und fokussiert werden. Nur so kann daraus ein für die Teilnehmenden und Zuschauer zugängliches Stück auf die Bühne gebracht werden. 

Dazu nutzt Maike Plath Fragestellungen, wie "Wo liegen die Interessensschwerpunkte, wo die Aggressionen oder Ängste, gibt es Ablehnung oder Zuspruch?" (Aus dem Buch Seite 44 Maike Plath 2014).

Das Theaterpädagogik Buch von Plath bietet ebenso Methoden, wie aus dem so spezifizierten Thema des Theaterstückes, biografische Texte erstellt werden können. Sie teilt die Texterstellung in mehrere Phasen ein, in denen verschieden Medien und Orte und Gruppenkonstellationen gewählt werden, um auf Ideen für Texte zu kommen und sie zu verschriftlichen. Beispielsweise dürfen die Teilnehmenden spontan an Mirko treten, um dort eine biografische Geschichte zum Thema zu erzählen. In einer anderen Phase werden eigene Geschichten in Textform gebracht und in einer weiteren Phase die Texte dann vor Kleingruppen vorgetragen und dramaturgisch verdichtet. 

Plath nutzt hierfür auch ihre Spielkarten "Methoden Repertoire" (dazu unten mehr), um die verschieden Phasen zu organisieren. 

Ein großer Vorteil ihres biografischen Theatersansatzes aus ihren Theaterpädagogik Büchern ist, dass das Stück auf das Ensemble zugeschnitten ist. Ein Problem, dass sich gerade in der Theaterpädagogik aus der Wahl eines klassischen Theaterstückes ergibt, ist die Anzahl und die Tiefe der Rollen, die zu vergeben sind. Oft sind zu wenig oder zu viele Rollen für die Gruppe zu vergeben. Oft sind viele Rollen eher plakativ geschrieben und nehmen eher Passiv an der Handlung teil, was gerade im pädagogischen Kontexten negative Folgen haben kann, weil Kinder und Jugendliche strukturell ausgeschlossen oder vernachlässigt werden. Natürlich kann das ein Stück weit durch Rollensplitting oder Kürzung bzw. Umschreibung des Textes kompensiert werden. Dies sind allerdings theatrale Methoden, die nur begrenzt eingesetzt werden sollten, weil sie zu einer destruktiven Entfremdung des Theaterstückes führen können. 

Dieses Probleme werden im biografischen Theater umgangen, da das Theaterstück aus der Gruppe heraus entsteht. 

Maike Plath gibt uns mit ihrem theaterpädagogischen Büchern eine tolle Grundlage zur Erfüllung der "Prinzipien Kultureller Bildung", die zentraler Bestandteil der schulischen und außerschulischen Theaterpädagogikarbeit sind. Falls Sie ihr Wissen aus dem Studium oder ihrer Ausbildung zu den Grundlagen kultureller Bildung nochmal auffrischen wollen, finden Sie hier eine Kurzbeschreibung.

Mehr zum  Theateransatz von Maike Plath in ihrem Theaterpädagogik Buch "Partizipartiver Theaterunterricht mit Jugendlichen - Praxisnah neue Perspektiven entwickeln".

Grundlagentheorie Buch - Partizipartiver Theaterunterricht - Selbstermächtigung - Maike Plath

"Das Methoden-Repertoire für Darstellendes Spiel und Theaterunterricht" -  Ergänzung zu den Theaterpädagogik Büchern 

Auch finden in ihren Übungen und Spielen oft diese Karten (Das Methoden-Repertoire für Darstellendes Spiel und Theaterunterricht) Verwendung. Es handelt sich hier um mit theatralen Begriffen und Emotionen beschrifteten Karten, die beispielsweise für eine Erweiterung des "Gehen im Raum" verwendet werden können. Die Karten werden auch bereits in ihren Theaterpädagogik Büchern erwähnt und sind teil einiger Übungen.

 

Sie unterstützen die Teilnehmer_innen bei dem Erlernen der theaterästhetischen Mittel bzw. theatralen Begriffe und tragen so zur Bildung eines Theaterverständnisses bei. Beispielsweise eignen sich die Karten, um Szenen mit bestimmten Emotionen oder theatralen Mitteln zu unterlegen. In einer Improvisation können die Zuschauer_innen diese Karten vorzeigen und laut vorlesen. Die Schaupieler_innen auf der Bühne müssen dann die Karten spontan umsetzen. "Jetzt im Zeitraffer" "Jetzt chorisch sprechen" "Pose einnehmen" etc.

Ein gängiger Zeitpunkt für die Nutzung der Karten in theaterpädagogischen Projekten ist während der "Gehen im Raum"-Einheiten. Die Übung dient der Schulung der Wahrnehmung und ist allen bekannt, die im Studium oder in der Ausbildung in Kontakt gekommen sind.

Es gibt sie in eine Vielzahl von Variationen immer mit anderem Fokus. Manchmal geht es um die Gruppendynamik, manchmal um die individuelle Wahrnehmung des eigenen Körpers oder dessen außerhalb des Körpers, manchmal geht es darum einfach im Raum anzukommen und in kennenzulernen. 

Normalerweise gibt hier die anleitende Person die Anweisungen, wie sich die Gruppe während des Gehens im Raum zu verhalten hat. Durch die Karten können den Teilnehmenden schon früh die vielen theatralen Begriffe an die Hand gelegt werden. So sind sie in der Lage die Aufgabe des Anleitenden zu übernehmen. In ihren Theaterpädagogik Büchern verwendet Maike Plath verschiedene Spielregeln, um den Kindern und Jugendlichen spielend über die Karten spielend theatrale Begriffe beizubringen. 

Für Faule oder im Basteln wenig begabte, empfehle ich den Kauf der Karten. Wer sich die Mühe machen will, kann sich diese Karten aber auch problemlos selbst basteln. Allerdings sei erwähnt, dass es hier auch um die Geste geht. Am Material sollte nicht zu sehr gespart werden, weil sich sonst besonders Jungendliche nicht ernst und wichtig genommen fühlen. (Empfehlung. Nicht auf normalen Papier ausdrucken, sondern zumindest laminieren.)

Theaterpädagogik - Spiel- und Übungskarten - Theatrale Begriffe - Maike Plath

Mehr von Maike Plath 

Wer noch mehr zu der Autorin erfahren will, kann einen Blick auf ihre Website werfen: Link

Ebenso bietet Plath Workshops an. Inhalte dieser Workshops sind unter anderem das "Mischpult-Prinzip". Ein Ansatz, der auf ihrer vorherigen Arbeit fusst und ihre Herangehensweise weiterführt. Informationen dazu findet ihr auf der Act-Berlin Seite: Link.

Maike Plath Website - Workshops - Mischpultprinzip

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